Trisomie 21


  • häufigste bei Lebendgeburten auftretende chromosomale Erkrankung
  • Wie bei anderen autosomalen Chromosomenaberrationen zeigen sich starke Dysmorphien und psychomotorischen Entwicklungsrückständen, sowie häufig (>1/3 der Fälle) zusätzliche Fehlbildungen medizinisch-pädagogische Versorgung und Förderung ist unbedingt notwendig

    I. Epidemiologie


  • 1,5 / 1000 Geburten

  • Geschlechtsverhältnis: 3 Jungen / 2 Mädchen

  • Erhöhtes Durchschnittsalter der Mutter (34 Jahre)
      maximale Frequenz:
    • 28 Jahren (aber nur weil dieses Alter des maximalen Geburtenrate entspricht)
    • um 37 Jahren, Das Risiko nimmt mit zunehmenden mütterlichen Alter zu
    • 0,1% unter 30 Jahren; 0,1-1% zwischen 30 und 40 Jahren (0,2 % mit 34 Jahren, 0,5% mit 38 Jahren, 0,7% mit 39 Jahren); >1% mit über 40 Jahren (5% mit 46 Jahren, 15% mit 50 Jahren)






    II. Klinische Untersuchung


    1 - Unterschiedlich ausgeprägte, typische Dysmorphie:

    • vielsagendes Gesicht +++:

      • häufige Mikrozephalie, Brachyzephalie, flacher Nacken
      • Vollmondgesicht

      • kleine Nase mit tiefer breiter Nasenwurzel
      • weitgeöffnete Nasenflügel

      • Hypertelorismus oder Pseudo-Hypertelorismus
      • Epikanthus (wird mit zunehmenden Alter schwächer)
      • Lidspaltenschrägstellung
      • Brushfield - Flecken der Iris (pathognomisch, sichtbar bei blauen Augen)

      • Makroglossie und Glossitis exfoliativa marginata (Lingua geographica),
      • offenstehender Mund und vermehrte Speichelsekretion
      • kurzer, harter Gaumen
      • verzögerte Entwichlung der Zähne (Anormale Anzahl der Zähne, Agenesie des lateralen Schneidezähne)

    • Hände und Füsse:
      • kurz und stäumig
      • Brachymesophalangie des 2. und des 5. Fingers
      • Klinodaktylie (Einwärtskrümmung) des 5. Fingers
      • Plattfüsse
      • Sandalenlücke: Verbreiterung der Zwischenzehenlücke zwischen dem 1. und 2. Strahl


    • Trockene, bläuliche entzündete Haut um die natürlichen Körperöffnungen

    • Hypermobile und überstreckbare Gelenke
    • Rektusdiastase, häufige Nabelhernie


    2 - konstanter psychomotrischer Entwicklungsrückstand :

    • Hypotonie +++ von Geburt an (Kopfhaltung mit 6 Monaten, Sitzhaltung mit 1 Jahr, Gehen mit 2 Jahren)
    • Geistige Retardierung, nicht eindeutig beim Neugeborenen, aber zeigt sich mit zunehmenden Alter sehr deutlich
    • Verhalten der Kinder:
      • liebevoll, zärtlich, fröhlich
      • Sprachprobleme
      • Spielen und Nachahmen gerne, räumen gerne auf, sorgfältige Kinder
      • normales Gedächnis

    • Epilepsie möglich (bei 3-9% der Kinder im Vergleich zu 1% bei der Allgemeinbevölkerung)


    3 - Fehlbildungen an den Extremitäten

    • Vierfingerfurche (pptu) : durchgehende Querfurche der Handinnenfläche bei 75% der Trisomie-Kinder, aber auch bei 1% der Normalbevölkerung vorhanden; infolgedessen gehören 7 der 8 bei der Geburt diagnostizierten Vierfingerfurchen der Allgemeinenbevölkerung an und nur eine einem Trisomie 21 Kind (Risiko von 1% x 669/700 Geburten versus Risiko von 75% x 1/700 Geburten) : eine isolierte Vierfingerfurche REICHT NICHT um eine Trisomie 21 zu diagnostizieren. Eine solche Diagnosis könnte einen tiefen, eventuel sogar zurückbleibenden psychologischen Schock bei den Eltern verursachen.
    • Axialer triradius in t" (bei 75% der Fällen)
    • Transversalitätsindex > 30


    Die Verbindung dieser Symptome muss zur Suche weiterer Fehlbildungen führen, welche den Verlauf der Lebensprognose beeinflussen könnten und eine schnelle Therapie benötigten.

    4 - Fehlbildungen (45% der Fälle)

    • Herz (40%):
      • Atrioventrikularkanal (10%)
      • Ventrikelseptumdefekt (10%)
      • Vorhofseptumdefekt (5%)
      • Persistenz des Ductus arteriosus (5%)...


    • Magen- Darm-Bereich (10%) :
      • Duodenalatresie (1/3 der Duodenalatresies findet man bei Trisomie 21)
      • Analatresie ....

    • Augen:
      • Katarakt (angeboren oder erworben)
      • Astigmatismus
      • Myopie
      • Strabismus
      • Angeborenes Glaukom
      • Nystagmus

    5 - Andere:

    • Blut:
      • manchmal vorübergehende Leukoblastose,
      • Rückfälle möglich zur akuten lymphoblastischen Leukämie oder häufiger zur nicht lymphoblastischen Leukämie; die Megakaryozytenleukämie ist besonders häufig. Vorsicht: Hypersensibilität auf Methotrexat

    • Immunosystem:
      • Hypotuberkulinreaktivität
      • Immundefizit

    • Stoffwechselsystem:
      • Hyperurikämie
      • Störung der Blutzuckerstoffwechsels
      • TSH (Thyroid Stimulating Hormone) häufig erhöht, Hypo-oder Hyperthyreose



    III.Diagnostik: der Karyotyp


    bestätigt die Diagnose, ermöglicht die genetische Beratung: Erkrankungsrisiko: 1% wenn die Anomalie de novo ist höher wenn ein Elterteil Träger einer Translokation ist

  • Freie und homogene Trisomie 21 (92,5% der Fälle):

    • Sporadische Fälle (de novo)
    • Rolle des mütterlichen Alters (siehe Epidemiologie)
    • Erkrankungsrisiko: 1-2%
    • Karyotype: 47,XY, + 21 oder 47,XX, + 21
    • Durch non-disjunction in der Meiose
      • Mütterlichen Ursprungs:
        - erste Division: 70%
        - zweite Division: 20%
      • Vätterlichen Ursprungs:
        - erste Division: 5%
        - zweite Division: 5%


  • Freie Mosaiken-Trisomie 21
  • (2,5% der Fälle):
    • sporadische Fälle
    • Karyotype: 46,XY/ 47, XY, +21 oder 46,XX/ 47,XX, +21
    • postzygotisches Ereignis (non-disjunction in einer Mitose)
    • meistens durch einen typischen Phänotyp ausgedrückt, kann ein abgeschwächtes Syndrom abgeben..

  • Trisomie 21 durch Translokation:
  • :
    • de novo oder durch bertragung einer balancierte Translokation bei den Vorfahren. Genetische Beratung ist vor allem in diesem Fall wichtig.
    • Karyotype mit 46 Chromosomen: das zusätzliche Chromosom 21 ist am häufigsten an ein Chromosom der Gruppe D (13, 14 oder 15) oder der Gruppe G (21 oder 22) angeheftet. z.B. 46, XY, t(14;21)
    • Genetische Beratung und Rekurrensrisiko:
    • t(Dq;21q) und t(21q; 22q)
        der Mutter: Risiko 15%
        des Vaters: 5%

    • t(21q; 21q) , 100% Risiko
        entweder --> Trisomie 21
        oder --> spontane Fehlgeburt (Monosomie 21)


    • Andere:
    • :
      • partielle Trisomie 21 (Seltenheit) -->( das verantwortliche Segment fürs).grösste Teil des Syndroms ist das Band 21q22.3
      • verbunden mit anderen Chromosomenaberrationen (Seltenheit).



    IV. Verlauf


    • Wachstumsstörung (Erwachsener = 1,50 m), bergewicht (-> Diät)
    • heiser Stimme
    • häufiger Haarausfall
    • verzögerte aber normale Pubertät, schwaches Libido
    • Fruchtbarkeit bei der Frau ( --> Kontrazeption).
    • Hypothyreose, Basedow-Krankheit (--> T3, T4, TSH, T3 reverse regelmässig dosieren).

    • geistige Entwicklung:
      • Intelligenzquotient (IQ) = 50 (Durchschnitt und Mittelwert), zwischen 30 und 80 je nach Person. Gauss-Verteilung mit Durschnittswert von 50 statt 100 in der Allgemeinbevölkerung Vom Alter abhängig
      • iSoziale Integrierung: vom familiären Umfeld, von der Hilfe die der Familie bei der Diagnose zugebracht wurde und von der medizinisch-pädagogischen Behandlung und Förderung des Kindes, abhängig
      • Psychomotrische Therapie ab 6 Monaten, Bewegungsbehandlung, Orthophonie. Wenn es möglich ist, sollte das Kind in einer Integrierten Gruppe in einem Kindergarten betreut werden. Behindertengruppe in einem normalen Kindergarten ermöglicht eine bessere Integration der Trisomie21-Kinder und fördert die Toleranz bei den normalen Kindern. Später sind medizinische-pädagogische Sonderschulen und Sonderberufsschulen (Lehre, manuelle Berufsausübung) möglich, um diese Kinder in das aktive Leben mit einzubeziehen. Sie sollten nicht ausschlielich bei ihren Eltern bleiben, sie würden dort einen kindischen Status beibehalten und schneller altern.


    • frühzeitiges Altern:
      • Ihr Verhalten kann sich plötzlich vom fröhlichen, sozialen Kind zum traurigen, inaktiven, inexpressiven Erwachsenen ändern.
      • Risiko der senile Demenz (Alzheimer-Krankheit)



    V.Prognose


    • Lebenserwartung: früher gering, konnte durch Benutzung von Antibiotherapie und durch chirurgische Eingriffe, deutlich verbessert werden.

    • Prognose kann aber verschlechtert werden durch:
        1 - erhöte Infektauffälligkeit dieser Kindern
        2 - Fehlbildungen, vor allem Herzfehlbildungen
        3 - Akute Leukämien (bei 1% der Trisomie 21 Kindern, je 20 fach höher Risiko als in der Allgemenbevölkerung).

    • Intellektuelle Prognose (siehe Verlauf)



    VI. Therapie


    • chirurgische Eingriffe bei Fehlbildungen
    • Antibiotikum bei Infektionen.
    • medizinisch-pädagogische Behandlung, psychomotrische Therapie, Physiotherapie, Orthophonie.
    • Uberwachung der Schilddrüsenfunktion (Dosierung 1 Mal im Jahr)
    • berwachung der Augen (Vorsicht: Atropinsensibilität) und Ohrenfunktion.
    • zervikale Röntgenaufnahmen ( zervikale Instabilitätè Verrenkungsrisiko)
    • Plattfüsse (spezielle Schuhe)
    • platter Rücken (schwimmen).
    • Keloidnarben, nur operieren wenn nötig, ästhetische Operationen vermeiden.
    • und künstlerische Kreativität entwickeln und fördern!



    Contributor(s)

    Written2000-08Jean-Loup Huret, Pierre-Marie Sinet
    CNRS UMR 8602, Faculté de Médecine Necker Enfants Malades, Paris, France (PMS)

    Citation

    Huret JL, Sinet PM

    Atlas of Genetics and Cytogenetics in Oncology and Haematology 2000-08-01

    Trisomie 21

    Online version: http://atlasgeneticsoncology.org/teaching/30094/trisomie-21